Jugendstil-Bau > Ebene 1 > Galerie 11
Einstieg
Anselm Feuerbach ist 22 Jahre alt, als er an diesem Gemälde zu arbeiten beginnt. Es zeigt den persischen Dichter Hafis, der im 14. Jahrhundert lebte, von drei Zuhörer*innen umgeben. Hafis richtet seinen Blick allerdings nicht auf seine unmittelbare Umgebung, sondern in die Ferne. Er scheint im Moment des Dichtens dargestellt, im Augenblick der Inspiration. Sie hebt den Künstler aus der Gemeinschaft und weist ihm eine Sonderstellung zu, in der sich auch Feuerbach erkennen kann.
Doch warum wählt der Maler einen persischen Dichter? Schon für die Epoche der Romantik lag im Orient der Ursprung der Poesie. Auch in Goethes »West-Östlichem Diwan« (1819/1827), den Feuerbach gelesen hatte, fällt Hafis eine wichtige Rolle zu. Feuerbach zeigt sich hier also von der Exotik seines Motivs ebenso beeindruckt wie von Hafis entrückt-poetischem Zustand. Der Dichter wird für ihn zu einer Projektionsfläche, da auch er vom Ursprung der Kunst weiß: der Inspiration.
Hintergrund
Der Deutschrömer Anselm Feuerbach verbrachte 16 wichtige Schaffensjahre in Italien – „Rom war mein Schicksal“, wie er feststellte. Doch entscheidend für seine künstlerische Entwicklung war zunächst ein früher Aufenthalt in Paris. Dort arbeitete er ab 1850 als Schüler im Atelier des bedeutenden Historienmalers Thomas Couture (1815–1879), der kurz zuvor mit seinem Monumentalbild »Die Römer der Verfallszeit« zu Ruhm gekommen war.
Neben starken Impulsen durch seinen Lehrer wurde Feuerbach aber auch durch Orientsujets bei Eugène Delacroix (1798–1863) und Gustave Moreau (1826–1898) inspiriert. Fasziniert zeigte er sich von den Gedichten des persischen Dichters Dschams od-Din Mohammed (um 1327–1390), genannt Hafis, die 1812 erstmals ins Deutsche übersetzt worden waren und Johann Wolfgang von Goethe zu seinem »West-Östlichem Diwan« angeregt hatten. In dem großformatigen Historienbild »Hafis vor der Schenke« präsentierte Feuerbach den Dichter, der sinnliche Genüsse liebte, im Moment der künstlerischen Inspiration und gestaltete damit den Prototypen des Künstlers.
Einstieg
Anselm Feuerbach is 22 years old when he begins work on this painting, which depicts the 14th-century Persian poet Hafiz surrounded by three listeners. Why, though, is he gazing into the distance, instead of looking at his immediate surroundings? He appears to be in the act of composing poetry, in the moment of inspiration. This elevates the artist above the community, assigning him a special position in which Feuerbach also recognizes himself.
But why did the painter select a Persian poet? The Romantics already considered the Orient the birthplace of poetry. Goethe’s »West-Eastern Divan« (1819/27), which Feuerbach read, also assigned Hafiz an important role. This painting reveals the artist’s fascination with both the exotic motif and Hafiz’s state of poetic rapture. The poet functions as a projection screen for Feuerbach, embodying the wellspring of art: inspiration.
Hintergrund
The Deutschrömer Anselm Feuerbach spent sixteen important years of his artistic career in Italy. “Rome was my destiny,” he declared. Initially speaking, however, it was his earlier sojourn in Paris that was most decisive for his artistic development. He worked there from 1850 onward as a pupil in the studio of the famous history painter Thomas Couture (1815–1879), who had risen to fame shortly before with his monumental painting »Romans during the Decadence«.
As well as being strongly influenced by his teacher, Feuerbach was also inspired by the oriental subjects of Eugène Delacroix (1798–1863) and Gustave Moreau (1826–1898). He was fascinated by the works of the Persian poet Khwaja Shamsu d-Din Muhammad Hafez-e Shirazi (ca. 1327–1390), known as Hafez, which had been translated into German for the first time in 1812 and which had inspired Johann Wolfgang von Goethe to write his »West-Eastern Divan«. In the large-format history painting, Hafez in »Front of the Tavern«, Feuerbach depicts the poet, who loved sensuous pleasures, in the very moment of artistic inspiration, thereby creating the prototype of the artist.
Kunsthalle Mannheim
Transkription
„Ich glaube, ich bin daran, das erste Kunstwerk meines Lebens zu machen. […] Mein Hafis im orientalischen Kostüm lächelt selig von Liebe und Wein und schreibt eine Ghasele an die Mauer, alle Zuhörer sind versunken im Anschauen und harren seiner begeisterten Worte.“
Hochgestimmt schildert Anselm Feuerbach die Arbeit an seinem gut zwei mal 2 ½ m großen Ölgemälde über den persischen Dichter Hafis, der im 14. Jahrhundert ein hoch geachteter Literat war. Hafis’ Gedichtsammlung „Diwan“ war 1812 ins Deutsche übertragen worden und hatte Goethe zu einem eigenen Gedicht-Zyklus mit dem Titel „West-Östlicher Divan“ angeregt. Auch der aus Speyer stammende Feuerbach hatte Goethes Gedichtsammlung gelesen: „Hafis ist gegenwärtig in ganz Deutschland bekannt“.
Während seines Studiums der modernen Meister in Paris beschließt der 22-jährige im Oktober 1851, den persischen Dichter zum Mittelpunkt seines nächsten Werks zu machen: „Meine Komposition muss warm und leuchtend in der Farbe werden, und sie ist so einfach, dass eigentlich jede Figur mehr ein Studium nach der Natur ist!“
Feuerbach zeigt den Dichter im Moment der Inspiration, die Augen unbestimmt in die Ferne gerichtet. Hafis ist das Zentrum, ist anwesend und abwesend zugleich. Die Szene – über Kissen geworfene Decken, wallende Stoffe, kaum bekleidete Musen – soll erklärt märchenhaft wirken: „Ich möchte so etwas von der feenhaften Wirklichkeit arabischer Poesie, wie sie in Tausendundeiner Nacht gefunden werden.“
Damit folgt Feuerbach einem im 19. Jahrhundert gängigen Klischee orientalischer Exotik. Seinen Zeitgenossen war er dennoch zu freizügig: Den nackten Rückenakt muss er nachträglich bedecken. Sehen Sie die an der Hüfte der liegenden Schönen hinzugefügte Stofflage?