Kunsthalle / Quartalszeitung #3 / Idee der Stadt in der Stadt


gmp – Die Ideenschmiede hinter der "Stadt in der Stadt" // Nikolaus Goetze ist seit mehr als 25 Jahren Architekt im Büro von gmp – von Gerkan, Marg und Partner und leitet die Büros in Hamburg, Shanghai und Hanoi. Neben Großprojekten auf der ganzen Welt ist er als verantwortlicher Architekt für den Neubau der Kunsthalle Mannheim verantwortlich. Im Interview gibt er Einblicke hinter die Idee zur „Stadt in der Stadt“.

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Was ist das Besondere für Sie an diesem Projekt?
Ein Museum zu planen ist für mich als Architekt die schönste Bauaufgabe die es gibt. Nicht nur, weil die meisten Museen an besonders prominenter Stelle innerhalb ihrer Stadt stehen. Architektur und Kunst passen einfach gut zusammen. Und ein Museum wie die Kunsthalle Mannheim baut man im Leben nur einmal! In diesem Kunstjahr der Superlative mit der Documenta in Kassel, der Biennale in Venedig oder dem Skulptur Projekte Event in Münster eröffnet die Kunsthalle ja auch mit einem Paukenschlag!
Welche Ziele standen bei dem Entwurfskonzept im Vordergrund?
Wir wollten eine Transparenz nach außen schaffen und zeigen, dass es nichts zu verstecken gibt. Es sollte kein Ort für ein elitäres Publikum, sondern für jedermann sein. Nachdem wir den alten Mitzlaff-Bau, quasi der Vorgänger der neuen Kunsthalle Mannheim, betreten hatten, wurde uns klar, dass wir auf gar keinen Fall wieder so ein Museum planen wollen. Man traute sich dort zunächst kaum hinein. An einem großen Souvenirladen vorbei, endete man zunächst in einem riesigen introvertierten Atrium, bevor man allmählich die einzelnen Geschosse erschließen konnte. Das Reinkommen verlief sperrig und der Rundgang fiel schwer. So waren wir uns einig, dass ein Museum der Zukunft vor allem einladend und extrovertiert sein muss. Wir wollten außen eine Geste schaffen, die die Besucher neugierig macht und jeden Interessierten hineinzieht.
Was war dabei die größte Herausforderung?
Ein Bauwerk zu schaffen, das einerseits den Maßstab der Umgebung aufnimmt und andererseits einen Dialog mit dem Jugendstil des benachbarten Billing-Baus findet. Das ist eine Aufgabe, die von jedem Architekten äußerste Sensibilität verlangt, weil gerade der Dialog zwischen Alt und Neu spannend ist. Die Reduktion auf das Wesentliche bei der Architektur der neuen Kunsthalle steht im direkten Kontrast zu der verspielten Fassade des Billing-Baus: Beides zu einem Museumsensemble zu vereinen, ist eine große Herausforderung. Eine weitere schwierige Aufgabe war die Zusammenarbeit mit den sehr bekannten Stars der Kunstszene, wie James Turrell, William Kentridge oder Anselm Kiefer, die in der Kunsthalle ausstellen werden. Wir wollten für diese einzigartigen Künstler ein Zuhause zu schaffen, in dem sie sich entfalten können. Sie sollen nicht das Gefühl bekommen, mit einer Architektur in Konkurrenz treten zu müssen, sondern mit ihr in einer Harmonie leben zu können.
Wie genau spiegelt sich dieser Ansatz im Entwurf wieder?
Architekten wollen meist ein eigenes Kunstwerk erschaffen und vergessen dabei die darin ausgestellte Kunst. Sie erdrücken sie mit ihrer eigenen Vision. Uns war es deshalb wichtig, dass die Ausstellungsräume introvertiert sind, der Kunst dienen und in keiner Weise eine Konkurrenz zu ihr darstellen. So kamen wir schnell auf die Entwurfsidee mit dem Konzept zusammengesetzter Kuben, die jeweils eigene Ausstellungsräume darstellen. Die Metall-Mesh-Fassade der Kunsthalle zieht das Vielfältige wieder zu einer Einheit zusammen.
Also erfüllt die spezielle Metall-Mesh-Fassade auch einen übergeordneten Zweck?
Wenn man das Metall-Mesh wegnehmen würde, würden wir von außen auf die vielen kleinen Kuben schauen, die im Inneren durch Gassen und Plätze geteilt sind. Auf den zweiten Blick sollen die Besucher dennoch hineinschauen können. So haben wir ein Fassadenmaterial gewählt, das transluzent ist. Mannheim ist eine Stadt des anspruchsvollen Handwerks. Und wer sich dieses Mesh genau anschaut, erkennt die feinen Stäbe und edlen Rundrohre, die durch einen Edelstahldraht – wie ein Teppich – zusammengewebt worden sind. Ein handwerklich spannendes Produkt, das sich durch seine Materialität, nämlich bronzierten Edelstahl, von den dahinterliegenden Kuben abhebt, die aus Faserbetonplatten bestehen. Sie ist bronziert, um den Farbton der umliegenden Sandsteingebäude aufzunehmen.
Wie entstand das Leitbild „Stadt in der Stadt“?
Mannheim nehmen wir als Stadt der Baublöcke wahr, die im Ganzen gesehen ein eindrucksvolles schachbrettartiges Stadtraster bilden. Diesen Gedanken des Baublocks als Baustein nehmen wir in seiner Komplexität und seinem Maßstab im Entwurf für unser Museum wieder auf: Zunächst wird den Besuchern klar, dass der gesamte Bau aus vielfältigen kleinen Kuben besteht. Sobald die Besucher aus diesen Ausstellungs-Kuben hervortreten, erhalten sie immer wieder einen Blick auf die Stadt. So entsteht ein Wechselspiel zwischen der Kunst, die in den geschlossenen Kuben ausgestellt wird und der Stadt, die von den zwischen den Ausstellungsbereichen befindlichen gläsernen Foyers erfahrbar ist. Der zentrale „Marktplatz“ ist innerhalb der Kunsthalle als Treffpunkt ein idealer Ausgangspunkt für den Rundgang, der über Brücken und Gassen zu den nächsten Kuben führt. So entsteht konzeptionell das Leitbild „Stadt in der Stadt“.
Inwieweit hat sich der Entwurf während der Planungsphase verändert?
Durch den fortwährenden Dialog zwischen der Stadt und unserer Bauherrin Ulrike Lorenz wurde der Entwurf ständig konkretisiert. Aber die Entwurfsidee wurde nie verändert, sondern nur gestärkt. Natürlich haben wir auch Kosteneinsparungen vornehmen müssen. So haben wir das gesamte Museum ein bisschen verkleinert. Das betraf aber weniger die Ausstellungsfläche, als Technik- und Lagerflächen. Insgesamt vertieften wir mit mehr Details die Fassade und suchten immer wieder, die Innenarchitektur auf das Wesentliche zu minimieren. Mit Stolz können wir sagen, dass unser Entwurf die ganzen Kosteneinsparungen und vielen Diskussionen mit den an der Planung beteiligten Instanzen überstanden hat.

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