Nationalsozialistische Raubkatzen

Der Fall Philipp Harth

Ein Beitrag von Dr. des. Gunnar Saecker

Philipp Harth (1885-1968) – ein Name, der selbst vielen Kunstinteressierten heute kein Begriff mehr sein dürfte. Dabei gilt er der Kunstgeschichte als „[…] zweifellos der bedeutendste dt. Tierbildhauer der Zwischen- und Nachkriegszeit, der wesentlich zu Erneuerung des Sujets beigetragen hat.“(1) Seine Aufsätze zur Bildhauerei wurden seinerzeit von einem großen Publikum gelesen und seine Werke stehen in zahlreichen großen Kunstsammlungen. Auch die Kunsthalle Mannheim verfügt über insgesamt 8 Plastiken und einige Zeichnungen Harths, zudem über große Konvolute an Briefen des Künstlers. Insgesamt 4 der Plastiken sind im öffentlichen oder halböffentlichen Raum aufgestellt. Insbesondere der „Tiger“ (1936) an der Tattersallstraße und der „Schreitende Löwe“ (1940) auf dem Friedrichsplatz erfreuen sich in Mannheim großer Beliebtheit. Sie stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus, und wurden unter dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Carl Renninger für die Kunsthalle angekauft. Das gibt zu denken: Was fanden die Nationalsozialist*innen an den schön und harmlos wirkenden Tieren? Warum wurde der Löwe sogar als wichtig genug erachtet, dass er in Kriegszeiten aus Bronze gegossen wurde, einem Material, das sonst zu diesem Zeitpunkt vor allem für Zwecke der Rüstung zur Verfügung stand?

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Philipp Harth, Tiger, 1936, Geschenk der Mannheimer Motorenwerke 1937


Um das zu klären, muss ein wenig ausgeholt werden. Harth nahm unter dem nationalsozialistischen Regime eine ambivalente Position ein. Von vornherein war der Künstler bei dem neuen Regime sowohl auf Zustimmung als auch auf Ablehnung gestoßen. Er war umstritten, und eine seiner Skulpturen wurde in den ersten Jahren des NS-Staates aus politischen Gründen sogar aus einer Ausstellung entfernt. Dann stabilisierte sich seine Position im neuen System aber. Er erhielt Staatsaufträge und seine Skulpturen wurden in wichtigen Propagandaausstellungen gezeigt. Es war der persönlichen Favorisierung durch Adolf Hitler und Joseph Goebbels geschuldet, dass sich Harths Name auf der „Gottbegnadeten-Liste“ fand, einer Liste, die von Hitler und Goebbels 1944 zusammengestellt wurde. Der Eintrag bedeutete für die dort aufgeführten 378 Kulturschaffenden aus verschiedenen Bereichen, dass sie vom Arbeits- und Wehrdienst befreit wurden. Ihre künstlerische Produktion wurde auf diesem Wege als unerlässliches kulturelles Fundament des nationalsozialistischen Deutschland definiert.(2) Die Protektion und die daraus resultierenden Vorzüge ließ Harth sich gefallen, obwohl er zum Ende des Krieges eine dem Grunde nach kritische Haltung gegenüber dem NS-Staat an den Tag legte: 1943 wurde er wegen Äußerungen, die die nationalsozialistische Kunstpolitik kritisierten, von der Gestapo inhaftiert. Er stand von da an unter Polizeiaufsicht.(3) Es ist allerdings derselbe Harth, der noch 1940 in einem Buch zur deutschen Bildhauerei der Gegenwart mit den Worten zitiert wird: „Das bildhauerische Schaffen stellt den männlichsten Kunstausdruck dar und findet auch erst bei reifer Männlichkeit seine volle Erfüllung. […] In der Form offenbart sich der Inhalt; nur was eine schöpferische Prägung erhielt, repräsentiert im Formausdruck ein ganzes Volk, eine Rasse, eine Kultur und das Wesen eines Landes.“(4) Das ist als Bekenntnis zu einer nationalsozialistischen Bildhauerei zu verstehen. Inwiefern Harth das in seinen Skulpturen umsetzte, lässt sich am Vergleich der Skulpturen „Tiger“ und „Schreitender Löwe“ erkennen.

Die Symbolform des Tigers

Der „Tiger“, die ältere der beiden Figuren, stammt von 1936. Entworfen wurde die Skulptur sogar schon vor der NS-Zeit, wie sich auf einer Zeichnung von 1929 erkennen lässt, welche die Figur in großer Detailtreue vorbereitet.(5) Es kann also kaum davon ausgegangen werden, dass hier der Formausdruck, der ja laut Harth „eine Kultur und das Wesen eines Landes“ symbolisieren soll, in direktem Bezug zur nationalsozialistischen Ideologie stand. Die Form-inhaltlichen Zusammenhänge wurden aber von den Nationalsozialist*innen mit Begeisterung aufgegriffen und für ihre Zwecke adaptiert. Die Abstraktion der von Harth auch als „angreifender Tiger“(6) bezeichneten Figur ist so groß, dass selbst die Wiedererkennbarkeit der Art des Tieres nur eingeschränkt möglich ist. Viele vermuten, vielleicht auf Grund der dunklen Patinierung, dass die Figur einen Panther darstellt. Vieldeutig ist auch die klar herausgearbeitete Darstellung der Geschlechtsteile: Einige wollen darin Hoden, andere eine Vulva erkennen. Die Darstellung ist also weder erkennbar als Darstellung eines Tieres im Zusammenhang seiner Art, Individualität oder seiner Geschlechtlichkeit. Auch der natürliche Zusammenhang der Bewegung des Körpers im Raum ist abstrahiert, in Erz gegossen, verewigt. Die Darstellung ist auf eine Symbolform hin gearbeitet: Sie stellt nichts Natürliches (etwa den Körper eines individuellen Tieres), sondern Kulturelles, nämlich ein gesellschaftspolitisches Symbol, dar; sie stellt nichts Individuelles, sondern Überindividuelles dar; sie stellt nichts in der Zeit dar, sondern Überzeitliches, Ewiges. Dass die Form Überindividuelles, Kulturelles und Ewiges darstellt und dass als Mittel die Darstellung einer Starre, einer verewigten, eingefrorenen Bewegung genutzt wurde, ist absolut typisch für nationalsozialistische Skulpturen. Sie sollten auf diese Weise das deutsche Volk darstellen, einen kulturellen Zusammenhang, wie ihn Harth oben beschrieben hatte. Auch die Darstellung von Kraft und Gewalt im „angreifenden Tiger“ sind auf das gewaltbereite, kriegerische Deutschland zu beziehen. Beispielhaft für die nationalsozialistische Adaption dieses Harth’schen Formgutes ist die Interpretation des „Tigers“ von Bruno E. Werner aus dem Jahr 1940: „[…] hier hat das starke Materialgefühl des Künstlers dazu geführt, daß die Kraft und Dynamik des Raubtiers im Metall einen Ausdruck gefunden hat, der […] etwa in den Schenkeln mit ihren parallelen Flächen und strengen Geraden etwas von der Wucht der stählernen Maschinen unserer Tage ausströmt.“(7) Die Maschinisierung des Tigerkörpers war benannt. Ein weiterer Guss des „Tigers“ wurde vom Reichsluftfahrtministerium gekauft,(8) für das er wohl ebenso die „Wucht der stählernen Maschinen unserer Tage“ darstellen sollte.

Die Symbolform des Löwen

Noch mehr in diese Richtung und nun spezifisch auf die Situation des nationalsozialistischen Staates hingearbeitet ist die Figur des „Schreitenden Löwen“. Sie war eine Auftragsarbeit der Mannheimer Stadtverwaltung.(9) Oberbürgermeister Renninger wollte ein „Gegenstück“ zu der bereits in Mannheim aufgestellten Tigerplastik erwerben.(10) Schon vor dem Entwurf des Löwen durch den Bildhauer nahm Renninger entscheidenden Einfluss auf die Gestaltung, indem er anregte: „[…] während der Tiger das Dynamische verkörpert soll der Löwe das Statische darstellen.“(11) Kunsthallendirektor Walter Passarge fügte an Harth gerichtet hinzu: „Ich glaube, daß dies auch Ihren Absichten entspricht.“(12) Das sollte vermutlich Druck auf den Bildhauer ausüben, den noch nicht angefangenen Entwurf explizit in die gewünschte Richtung auszuarbeiten. Pflichtschuldig schrieb Harth dann auch an Renninger: „Ihre Idee […] finde ich sehr sinnvoll. Und diese Anregung gibt mir eine klare Formung für die Löwenplastik.“(13) Kurz, die Formgebung der Skulptur geht direkt auf eine Entscheidung aus der Politik zurück. Ein späterer Brief zeigt, dass es auch Renninger persönlich war, der aus mehreren von Harth auf dieser Grundlage eingelieferten Entwurfszeichnungen diejenige auswählte, die zur Umsetzung kam.(14) Das „Statische“ der Löwenskulptur, und das ist typisch für nationalsozialistische Bildhauerei, ist eine angespannte Starre. Alle Muskeln und Sehnen des Löwen sind aufs Höchste gespannt und scheinen klar herausgearbeitet unter der Oberfläche hervor. Die Formen der einzelnen Körperteile und Muskeln ergeben zusammen ein System, das den Löwen bildet: Das ist als Symbol für den nationalsozialistischen Staat zu verstehen, in dem die einzelnen starken und schönen Individuen den kräftigen Körper des Staates bilden sollten. – Harth selbst hatte einmal seine Betrachtung eines brüllenden Löwen in einem Zoo beschrieben: „[…] vor der Fütterung ist der Löwe gewaltig wie ein Gott einer mythischen Sage. Wie ein urweltlicher Ton rollt das langgezogene UUhh aus seiner Kehle. Man sieht es den breiten Sehnenflächen am Bauche an, die sich wie Stahlplatten straffen, mit welcher Pressung die Lunge das Brüllen hervorstößt. Kilometerweit im Umkreis dringt dieser Laut durch die Wüste und benimmt den Tieren im Dschungel den Herzschlag.“(15) Genau so, und das stellt die Skulptur dar, sollten Deutschlands Feinden im Krieg der Atem benommen werden. Da wundert es wenig, dass die Skulptur „[…] den besonderen Beifall des Herrn Dr. Goebbels gefunden […]“ hat.(16)

Fazit

Diese Interpretation von Arbeiten der NS-Kunst ist für heutige Betrachtende nicht mehr ohne weiteres nachzuvollziehen. Der gesellschaftliche Zusammenhang, aus dem die Arbeiten stammen, existiert nicht mehr. Die Diskurse der Bejahung von Krieg, Militarismus, Rassismus, toxischer Maskulinität und Nationalsozialismus, die in der Form der Skulpturen angelegt ist, sind aber immer noch in ihr enthalten. Wie also umgehen mit dem kulturellen Erbe der NS-Zeit? Vorerst stehen die Arbeiten weiter unkommentiert und werden von einem größeren Publikum nur als harmloser Schmuck des öffentlichen Raumes wahrgenommen. Sollte nicht wenigstens eine Kommentierung der Skulpturen stattfinden, die den Einstieg in die Diskurse über Verstrickungen von Kunst und Diktatur ermöglicht? Oder ist es gar an der Zeit, mit der NS-Propaganda aufzuräumen, die Arbeiten aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zu entfernen und sie in den Tiefen eines Depots dem Dunkel des Vergessens zu überlassen? Diese Fragen müssen diskutiert werden.

Vielen Dank an Christina Bergemann & Dr. Inge Herold für Unterstützung bei der Arbeit an diesem Text.


Fußnoten:

(1)  Frank Matthias Kammel, Harth, Philipp, in: Günter Meißner (Hg.), Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 69, Hammon – Hartung, Berlin/New York 2011, S. 465-466, hier S. 465.
(2)  Zu der Liste und ihrer Wirkung im Bereich der bildenden Kunst siehe: Wolfgang Brauneis und Raphael Gross (Hg.), Die Liste der „Gottbegnadeten“. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik, Publ. anl. d. gleichn. Ausst., Deutsches Historisches Museum, Berlin 2021.
(3)  Frank Matthias Kammel, Harth, Philipp, in: Günter Meißner (Hg.), Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker, Bd. 69, Hammon – Hartung, Berlin/New York 2011, S. 465-466, hier S. 465.
(4)  Bruno E. Werner, Die Deutsche Plastik der Gegenwart, Berlin 1940, S. 12.
(5)  Abgebildet in: Wilhelm Boeck (Hg.): Philipp Harth. Plastiken und Zeichnungen (=Kleine Schriften der Gesellschaft für bildenden Kunst in Mainz, Bd. 11), Ausst.-Kat. Haus des kunstgeschichtlichen Instituts, Mainz 1962, Abb. 22, S. 43. Bereits hier wird im Text auf die Funktion dieser Zeichnung als Entwurf hingewiesen, siehe Wilhelm Boeck (Hg.): Philipp Harth. Plastiken und Zeichnungen, a. a. O., S. 64.
(6)  In einem Schreiben vom 14.11.37, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „ERWERBUNGEN für GEMÄLDE- SKULPTUREN- GRAPH.SAMML. vom 1937 bis 1950 A – H (nach Künstlern sortiert)“ (=2012_Ordner 457, S. 480).
(7)  Bruno E. Werner, Die Deutsche Plastik der Gegenwart, Berlin 1940, S. 102.
(8)  MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „ERWERBUNGEN für GEMÄLDE- SKULPTUREN- GRAPH.SAMML. vom 1937 bis 1950 A – H (nach Künstlern sortiert)“ (=2012_Ordner 457, S. 472).
(9)  Brief von Walter Passarge an Carl Renninger vom 02.04.1941, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „ERWERBUNGEN für GEMÄLDE- SKULPTUREN- GRAPH.SAMML. vom 1937 bis 1950 A – H (nach Künstlern sortiert)“ (=2012_Ordner 457, S. 428).
(10)  MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „Rubrik 11.1 Archiv Geplante Erwerbungen für Gemälde+Skulpturen und Graph. Sammlungen 1938/44 11.1“ (=2012_Ordner 447, S. 249).
(11)  Brief von Passarge an Harth vom 05.02.1938, der die Anregung an Harth weiterleitete, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „Rubrik 11.1 Archiv Geplante Erwerbungen für Gemälde+Skulpturen und Graph. Sammlungen 1938/44 11.1“ (=2012_Ordner 447, S. 255).
(12)  Brief vom 05.02.1938, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „Rubrik 11.1 Archiv Geplante Erwerbungen für Gemälde+Skulpturen und Graph. Sammlungen 1938/44 11.1“ (=2012_Ordner 447, S. 255).
(13)  Brief vom 14.04.1938, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „Rubrik 11.1 Archiv Geplante Erwerbungen für Gemälde+Skulpturen und Graph. Sammlungen 1938/44 11.1“ (=2012_Ordner 447, S. 251).
(14)  Brief von Passarge an Harth, 06.02.1939, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „ERWERBUNGEN für GEMÄLDE- SKULPTUREN- GRAPH.SAMML. vom 1937 bis 1950 A – H (nach Künstlern sortiert)“ (=2012_Ordner 457, S. 461).
(15)  O. V., Der neue Waldkauz. Zeitschrift der Odenwaldschule. Sondernummer. Philipp Harth, o. O., 1931, o. S.
(16)  Brief von Passarge an Harth, 29.03.1941, MARCHIVUM, Bestand Kunsthalle, Ordner „ERWERBUNGEN für GEMÄLDE- SKULPTUREN- GRAPH.SAMML. vom 1937 bis 1950 A – H (nach Künstlern sortiert)“ (=2012_Ordner 457, S. 432).

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